Robotics

Die Robotik ist im Herzkatheterlabor angekommen

Mensch und Maschine bei der Operation Hand in Hand? Eine Vision, die näher nicht sein könnte.

6 min
Andrea Lutz
Veröffentlicht am March 25, 2021

Minen entschärfen: möglich. Autos zusammenbauen: gern. Aber ein Roboter, der bei einem Eingriff am Herzen assistiert? Es mag wie Science Fiction klingen, aber Ärzte  nutzen die Technologie bereits heute, um präziser und schonender zu arbeiten.

Die koronare Herzerkrankung ist eine der häufigsten kardiovaskulären Erkrankungen in westlichen Industrienationen. Ihre Folgen, beispielsweise der akute Herzinfarkt, gehören weltweit zu den häufigsten Todesursachen.1 Zur Behandlung des Koronarsyndroms hat sich die perkutane Koronarintervention (PCI) zur Implantation von Gefäßstützen – den sogenannten Stents – als Goldstandard etabliert. Allerdings ist eine PCI mit Herausforderungen, sowohl für den Patienten als auch für das Team im Herzkatheterlabor, verbunden.

Inzwischen sind ferngesteuerte Roboter für koronare Eingriffe so weit entwickelt, dass sie standardmäßig zum Einsatz kommen können. Allerdings: „Der Roboter allein würde nicht zum Erfolg führen“, sagt Doris Pommi, Leiterin Cardiovascular Care und Koordinatorin für die globale kommerzielle Skalierung von Corindus bei Siemens Healthineers. Erst kombiniert mit detailreicher Bildgebung, entsprechenden Informationen aus dem System und der Erfahrung eines routinierten Kardiologen entstehe eine „Revolution“.
First robotic assisted PCI with Holger Nef at Giessen University Hospital in Germany

Sehen Sie, wie Holger Nef und sein Team am Universitätsklinikum Gießen neue Dimensionen der Präzisionsarbeit erreichen.

Um den Katheter zu führen und einen Stent zu setzen, werden Roboter und Angiographie-System kombiniert. Die Angiographie gewährt den Ärzten während des gesamten Eingriffs einen präzisen Blick auf die Gefäßstrukturen ihres Patienten. Der Kardiologe kann den Roboter im Katheterlabor über ein Kontrollmodul aus der Ferne bedienen und damit Führungskatheter, Führungsdrähte, Ballon- oder Stent- Implantate präzise lenken. Solche Präzision ist entscheidend für den Erfolg der Prozedur und für das langfristige Ergebnis. Und weil der Roboter keine Tagesform hat und weil für die Maschine Bewegungen im Millimeterbereich wieder und wieder machbar sind, bringt sie diese gleichbleibend hohe Präzision ins Katheterlabor.
Um Gefäßstrukturen detailliert zu erkennen, ist eine präzise Bildgebung während einer Koronarintervention unverzichtbar. Dazu wird ein Kontrastmittel gespritzt, das mit Röntgenstrahlung sichtbar wird. Patienten sind während der Operation also kurzzeitig einer gewissen Strahlenbelastung ausgesetzt. Bei den Operateuren jedoch ist dies täglich der Fall. Um sich gegen die ständige Strahlenexposition zu schützen, trägt das klinische Personal während der Prozedur Bleischürzen – und die fühlen sich nach einiger Zeit auch bleischwer an. Das Tragen der Schutzkleidung ist eine Belastung für Knochen, Wirbelsäule und Muskulatur und zugleich können nicht alle Organe und Körperteile geschützt werden. Grund genug, um Verfahren zu erproben, die es den Medizinern ermöglichen, dauerhaft auf Abstand zur Strahlenquelle zu arbeiten.
With the robotic system physicians can now perform the procedure from a separate control module.

Mit dem Robotersystem müssen die Ärzte nicht mehr wie gewohnt am Angiographietisch stehen, sondern können den Eingriff von einem separaten Steuermodul aus durchführen, was ihre Strahlenbelastung reduziert.

Um den Katheter zu führen und den Stent exakt zu platzieren, nutzte das Team in Gießen das Robotersystem „CorPath GRX" zusammen mit einem ARTIS Angiographie- System von Siemens Healthineers. „Die Intervention hat gut funktioniert", berichtet Professor Holger Nef, der als interventioneller Kardiologe einer der führenden Spezialisten in Deutschland ist. Mithilfe eines Joysticks und eines Controllers steuerte er einen Draht, an dem der Stent befestigt war.
Um das eigene Portfolio sinnvoll zu erweitern, bot Siemens Healthineers 1,1 Milliarden Dollar für das US-Unternehmen Corindus Vascular Robotics, das als eines der ersten obotergestützte Systeme für minimalinvasive Gefäß-Interventionen entwickelt hat. „Wir wollen die Medizintechnik gestalten und damit Vorreiter sein“, sagt Pommi. Darum werde in Wachstumsmärkte mit großem Zukunftspotenzial investiert.
Langfristig sollen die Roboter nicht nur Patienten und medizinische Teams schützen, sondern auch die Notwendigkeit von Folgeeingriffen minimieren, die Effizienz steigern und mehr Menschen Zugang zu einer optimalen Gesundheitsversorgung ermöglichen. Das Potenzial der Technologie liegt in der Optimierung von Prozessen.

Holger Nef, MD, University Hospital Giessen

Robotergestützte Operationen werden bereits in verschiedenen Medizinbereichen durchgeführt. In der Kardiologie gab es das in Deutschland bislang nicht. Ein erfolgreicher Eingriff in Gießen zeigt, dass solche Systeme in der Kardiologie an der Seite eines Arztes zu zuverlässigen Co-Piloten werden können. Die Maschine trägt dazu bei, dass der Mensch effizienter arbeiten kann. Das System kann die Mediziner nicht ersetzen, sondern wird stets ein nützliches Hilfsmittel sein, mit denen Komplikationen vermieden und Prozesse optimiert werden. Und: Die Technologie ermöglicht es vielleicht zukünftig, dass Spitzenmediziner ihre Fähigkeiten kurzfristig für Patienten in unterschiedlichen Regionen einsetzen.

Im Rahmen einer klinischen Studie wurde die PCI bei fünf Patienten unter Verwendung von Telerobotik und der CorPath GRX-Plattform3 durchgeführt. Albrecht Elsässer von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie schlussfolgert, dass die Technik in fünf bis zehn Jahren „universell und flächendeckend“ genutzt werden kann.3 Interventionen verändern sich schnell – weil Mensch und Maschinen zusammen mehr schaffen als jeder allein und weil sichtbarer Erfolg größer ist als die menschliche Angst.


Von Andrea Lutz
Andrea Lutz ist Journalistin und Business-Trainerin mit den Schwerpunkten Medizin, Technik und Healthcare IT. Sie lebt in Nürnberg, Deutschland.