Arbeiten im Hybrid-OP: Medizinische Versorgung mit Weitblick

4 min
Andrea Lutz
Veröffentlicht am 3. März 2020

Harald Maikisch ist Experte im Spitalwesen mit bald vier Jahrzehnten Erfahrung. Wenn er ein Krankenhaus für die Zukunft plant, dann prüft er die besten Ideen dafür stets im Hier und Jetzt. Seiner Ansicht nach muss Spitzentechnik und Spitzenarchitektur unbedingt den Menschen dienen. Heute leitet er Vorarlbergs größtes Krankenhaus – das Schwerpunktkrankenhaus Feldkirch. Ein Hybrid-Operationssaal ist das Herzstück des dort neu gebauten OP- und Intensivzentrums. Mit der Entscheidung für diesen Saal beweisen die Planer um Maikisch Weitblick – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes…

Fotos: Marco Leibetseder, Dietmar Mathis, Manuel Riesterer

In Feldkirch werden jährlich rund 44.500 Patienten stationär behandelt, 22.200 Operationen werden im Landeskrankenhaus, das nah an der Grenze zur Schweiz liegt, durchgeführt. Bei solch wuchtigen Zahlen sind die Ansprüche an die Teams in der Klinik hoch – die Abläufe müssen absolut reibungslos funktionieren. Verwaltungsleiter Harald Maikisch beschreibt es so: „Das Allerwichtigste ist die Qualität der Versorgung der Bevölkerung – dafür sind wir alle da. Und um diese Versorgung leisten zu können, stellen wir uns hier im Raum Vorarlberg dem europaweiten Wettbewerb um das beste Personal.“

Die breiten Panoramafenster wurden so gewählt, dass sich das chirurgische Personal auch während eines intensiven Arbeitstages einen Moment Zeit nehmen kann, um die einzigartige Aussicht zu genießen.

Heute sind Arbeitskräfte in der Chirurgie hart umkämpft und Maikisch weiß, dass er hochqualifizierten Fachkräften auch optimale Bedingungen bieten muss. Die Grundvoraussetzungen müssen stimmen – dazu gehört ein ordentliches Gehalt, eine gute Infrastruktur und dazu gehören überzeugende Angebote für Familien. Und das Image des Hauses spielt eine Rolle, sagt der Kaufmann: „Die Bewerber wollen überzeugt werden in dem Bereich, der für sie wichtig ist. Bei uns werden nahezu alle komplexen Operationen durchgeführt. An Geräten haben wir alles was gut und wichtig ist.“ Ein Hybrid-OP sei heute für ein Krankenhaus in der Größe des LKH Feldkirch state-of-the-art. Maikisch berichtet, dass der Hybrid-Saal mit dem robotergestützen C-Bogen für einige Bewerber das Zünglein an der Waage war: „Nur wenn das Gesamtbild passt, kommen die guten Leute.“

Die breiten Panoramafenster wurden so gewählt, dass sich das chirurgische Personal auch während eines intensiven Arbeitstages einen Moment Zeit nehmen kann, um die einzigartige Aussicht zu genießen.

Der erste Spatenstich zum neuen OP- und Intensivzentrum wurde im Februar 2015 gemacht – seit Frühjahr 2019 ist der Hybrid-Saal in Betrieb. Während der Bauzeit mussten die Verantwortlichen Nerven wie Drahtseile haben, denn es waren zahlreiche Sprengungen in die Tiefe nötig. Und die wurden – penibel überwacht – parallel zum OP-Betrieb durchgeführt. Wer nun die neuen Operationssäle jedoch im finsteren Untergeschoss wähnt, liegt falsch. Die Planer haben sich etwas Besonderes ausgedacht und bewiesen Fernsicht im wahrsten Sinn des Wortes: Betritt man den neuen, blau verglasten Hybrid-Operationssaal, kann man seinen Blick über die Schweizer Berge schweifen lassen. Breite Panoramafenster wurden eingebaut, um dem OP-Personal auch an einem intensiven Arbeitstag für einen Moment exklusive Fernsicht zu gestatten.


Harald Maikisch, Verwaltungsleiter des LKH Feldkirch, Vorarlberg, Österreich

In vielerlei Hinsicht war die Errichtung des OP-Zentrums ein historisch wichtiger Schritt für die Region. Dr. Gerald Fleisch, Geschäftsführer der Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsgesellschaft, spricht von einem „Paradigmenwechsel für das Landeskrankenhaus Feldkirch“ und einem „Quantensprung in der Medizin“. Und schon weit vor diesem Quantensprung hat Routinier Maikisch seine Hausaufgaben gemacht und ließ die Abläufe im OP-Zentrum simulieren. Die Idee dazu hatte er im Lauf einer Betriebsbesichtigung bei BMW. Beim bayerischen Automobilhersteller wird die Logistik in der Produktion simuliert, bevor die Bänder anrollen. Der Krankenhausprofi machte sich genau diese Technik für das OP-Zentrum zunutze. „Über die Simulation haben wir erkannt, dass wir mit zwölf OPs die geplante Leistung erbringen können. Zugleich wurde deutlich, dass genug Platz bleibt, um einen Hybrid-Saal einzubauen. Zu dem Zeitpunkt waren Säle dieser Art noch nicht so etabliert und es war nicht gleich klar, wie ein Hybrid-OP überhaupt auszustatten ist. Also haben unsere medizinischen Abteilungen festgelegt, welche Leistungen dort erbracht werden sollen.“

Dr. Wolfgang Hofmann, Primararzt in der Gefäßchirurgie, verlieh dem Projekt Schub. Nach dem ersten Halbjahr nutzen die Ärzte den Saal immer vielfältiger. Hofmann selbst hat erkannt, dass die minimal-invasive Behandlung von Aortenerkrankungen oder Erkrankungen der Carotis sowie Behandlungen der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit vom Hybrid OP profitieren. Der robotische C-Bogen erlaubt während der Operation die sofortige Kontrolle des Ergebnisses mit 3D Bildgebung bei der Operation von Hirntumoren oder intrakraniellen Gefäßerkrankungen. Und die Arbeit der Orthopädie und Unfallchirurgie verbessert sich aufgrund der Möglichkeit, Schrauben lasergeführt besonders präzise zu platzieren. „Einige Ärzte berichten mit glänzenden Augen, welchen Fortschritt sie im Rahmen einer Prozedur erzielt haben oder welche neuen Behandlungsoptionen entstehen, die ohne die Hybrid-Technik nicht machbar waren“, freut sich Maikisch. Nun gilt es für die Vorarlberger, genau die Operationen herauszuarbeiten, in denen der Hybrid-OP die größten Vorteile bringt und die Zeiten im Saal interdisziplinär aufzuteilen.


Dr. Wolfgang Hofmann, Leiter der Gefäßchirurgie am LKH Feldkirch, Vorarlberg, Österreich

Momentan nutzt Primarius Hofmann den Saal überwiegend für die Gefäßchirurgie und resümiert: „Unsere Behandlungsqualität steigt, weil die Bildgebung besser ist und wir noch intraoperativ das Ergebnis kontrollieren. Weil ich die Gefäßprothesen bei komplexen Eingriffen schneller sicher platzieren kann, reduzieren wir die Dosis für Kontrastmittel und die Röntgenstrahlung für alle Beteiligten. Die OP-Zeiten insgesamt verkürzen sich ebenso wie die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus, weil wir sie insgesamt schonender behandeln können. Und dann ist das noch eine Sache: Der OP ist momentan sicherlich der schönste in ganz Österreich – natürlich macht es auch Spaß, darin zu arbeiten!“

LKH Feldkirch

Andrea Lutz ist Medizinjournalistin und Business-Trainerin. Sie fokussiert sich auf medizinische Themen, Technik und IT im Gesundheitswesen und lebt in Nürnberg.


Von Andrea Lutz
Andrea Lutz ist eine Medizinjournalistin und Business-Trainerin aus Nürnberg.