Kardiologie: Schneller zu den Bildern

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Wiebke Kathmann
Veröffentlicht am 17. Juni 2019

Viele klinische Maßnahmen in der Kardiologie, wie zum Beispiel die Planung einer Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) oder die Untersuchung der Koronararterien, erfordern eine gründliche Vorbereitung und Überwachung. Das bevorzugte Verfahren hierfür ist zunehmend die Computertomographie (CT). Radiologen und Medizinisch-Technische Radiologieassistenten (MTRAs) schätzen sowohl die Zeitersparnis und den reduzierten Aufwand, welche durch neue Funktionen ermöglicht werden, als auch die standardisierten Bilder. Zwei europäische Teams schildern ihre Erfahrungen.

TAVI-Planung ist von größter Bedeutung.

TAVI ist inzwischen eine echte Alternative zum chirurgischen Aortenklappenersatz geworden. Damit das Verfahren erfolgreich ausgeführt werden kann, sind präzise CT-Bilder der komplexen 3-D-Anantomie der Aortenwurzel erforderlich. Entscheidungen darüber, welche Patienten für TAVI in Frage kommen, welche Art von Klappenersatz der individuell richtige ist, und wie groß er sein muss, werden aufgrund von Daten aus der CT-Bildgebung getroffen. Letztlich bestimmt die optimale Wechselwirkung von Anatomie und Klappenersatz den Erfolg des Eingriffs. Daher ist die exakte Planung des TAVI-Eingriffes von sehr großer Bedeutung.

Am Universitätshospital Nord-Norwegen in Tromsø begannen Chirurgen erstmals 2008 mit TAVI-Eingriffen. Im Jahr 2013 führte die Radiologin Signe Helene Forsdahl die CT-Bildgebung für die Planung dieser Intervention ein. Bereits 2017 wurden 112 CT-Scans für die TAVI-Planung in einem Jahr durchgeführt und auf diese Weise 80 Eingriffe erfolgreich abgeschlossen. Wie Forsdahl betont, kann die TAVI-Planung mit Hilfe von CT sehr mühsam und arbeitsaufwändig sein: „Die Messungen wurden im Interesse einer verbesserten Qualität von möglichst wenigen Personen durchgeführt. Es ist der Radiologe selbst, der alle Messungen und Bildrekonstruktionen vornimmt.“ Das ist verständlich, da die Planung eine große Anzahl von wiederholten Messungen und Aufnahmen umfasst, um die individuelle anatomische Situation der Patienten bestmöglich abzubilden.

„Bis vor zwei Monaten haben wir alle diese Schritte nacheinander von Hand ausgeführt,“ erklärt der radiologische Assistenzarzt Frode Tynes. Schrittweise nahmen sie etwa 15 Messungen des Aortendurchmessers entlang ihres anatomischen Verlaufs von ihrer Wurzel bis zum Beckenbereich vor. Für jeden Schritt notierten sie die Messungen von Hand, während sie entlang des Weges gleichzeitig beinahe ebenso viele CT-Bilder rekonstruierten und abspeicherten. „Der Zeitaufwand für diese Arbeit vom Beginn der Untersuchung bis zum Abschluss des Berichts und der Bearbeitung aller Bilder, inklusive Befundung der Aufnahmen von Thorax/Abdomen/Becken und deren ‚Sammlung’ in einem eigenen TAVI-Ordner für die Chirurgen beträgt in unserem PACS-System etwa 60 bis 90 Minuten.“



„Mit der Teilautomatisierung durch Cardiac Planning und Rapid Results geht alles viel schneller. Eine Standard-Untersuchung mit guter Bildqualität dauert jetzt nur noch etwa 40 bis 50 Prozent der bisherigen Zeit. Wichtiger als die Zeitersparnis ist aber, dass wir viel weniger Klicks benötigen. Das ist der echte Vorteil,“ sagt Tynes. Für ihn ist die CT-basierte Präinterventionsplanung für eine TAVI nicht mehr ermüdend, weil die einzelnen Schritte jeweils als Teil der standardmäßigen CT-Bildrekonstruktionsfunktion des SOMATOM CT-Scanners halbautomatisch durchgeführt werden.[1] „Mit der neuen Methode der TAVI-Planung ist der ganze Arbeitsvorgang viel effizienter,“ sagt Tynes in Erinnerung an den Vortag, an dem er fünf TAVI-Planungen hintereinander durchgeführt hat. „Das wäre früher kaum möglich gewesen.“ Doch mit der Hilfestellung durch das Protokoll ist dies nun leicht durchführbar.

Für Forsdahl hat die Halbautomatisierung noch einen weiteren Vorteil gebracht: „Die halbautomatische Abbildung der Aortenklappe ist von großem Wert, vor allem in Untersuchungen mit ungenügendem Kontrast oder starker Kalzifizierung des Annulus. Anfangs brauchte es etwas Zeit, bis wir Vertrauen in die Fähigkeit der neuen Software hatten, den Annulus zu finden. Nachdem wir die Ergebnisse anfangs mehrfach anhand der alten, vertrauten Methode verifiziert haben, fühlen wir uns nun sehr sicher, was die Ergebnisse angeht.“ Insgesamt betonen beide, dass es ein wirklich großer Vorteil ist, mit weniger Aufwand die gleiche Ergebnisqualität zu erzielen. Mit Blick auf den Zeitaufwand und die erforderlichen Ressourcen für die TAVI-Planung halten beide dies für einen großen Schritt nach vorne. Durch die Anpassung des Programms auf die Bedürfnisse des Teams in Tromsø erhalten die Nutzer dort genau die Messungen, Bilder und Darstellungsarten, die sie sich für ihre Chirurgen wünschen.

Im Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie am Universitätsklinikum Essen ist die Situation eine etwas andere. Zum Team gehören hier 27 Radiologen, 26 Assistenzärzte und mehr als 60 MTRAs. Entscheidend sind Standardisierung, Automatisierung und Effizienz bei der Bilderfassung und -rekonstruktion. Laut Sebastian Blex, dem leitenden MTRA und Chef des CT-Teams am Klinikum, werden etwa 80 Herz-CT-Scans im Monat durchgeführt. Die meisten dieser Untersuchungen betreffen die Herzkranzgefäße, teilweise für die präinterventionelle Planung von TAVI-Eingriffen. „Wir versuchen, unseren Patienten durch Herz-CT-Scans eine invasive Katheteruntersuchung zu ersparen,“ erklärt er. Dafür sind exakte Bilder und Daten bis hinein in die kleinsten Gefäße des Koronarbaums erforderlich.


Dr. Thomas Schlosser,Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie am Universitätsklinikum Essen.

„Unser Interesse an der neuen Rapid-Results-Funktion rührt daher, dass die zeitaufwändigen ‚curved multiplanar reconstructions‘ (cMPR) darin bereits enthalten sind,“ erklärt Thomas Schlosser, der stellvertretende ärztliche Direktor des Instituts. „Es ist ein enormer Vorteil, dass die MPR automatisch auf eine robuste und verlässliche Weise ermittelt werden und – was vom klinischen Standpunkt aus noch wichtiger ist – automatisch an das PACS weitergeleitet werden. Dadurch haben nicht nur alle Teammitglieder, sondern auch die überweisenden Ärzte Zugriff auf die Daten. Viele von ihnen verwenden syngo.via nicht. Daher wären sie anderenfalls nicht in der Lage, die CT-Bilder anzuschauen und auszuwerten.“ Zudem ermöglicht die automatisierte Visualisierung überweisenden Ärzten, die weniger Erfahrung in der Befundung von CT-Bildern haben, sich einfach und schnell einen Überblick zu verschaffen. Auch die Interpretation pathologischer Veränderungen ist durch Vergleich mit dem normalen Datensatz erleichtert. „Durch die TAVI-Planung mit Rapid Results können jetzt parallele und radiale Darstellungen der Aorta und abgehender Gefäße generiert werden. Damit können Ärzte leichter abschätzen, ob im Verlauf der Implantation des Klappenersatzes mit Komplikationen durch Ablagerungen, Aneurysmen oder eine Aortendissektion gerechnet werden muss.”


Sebastian Blex,leitender MTRA und Chef des CT-Teams am Universitätsklinikum Essen

Für Schlosser ist die erhebliche Zeitersparnis das entscheidende Argument für die Verwendung der umfassenden automatisierten Rekonstruktionsfunktion. „Da die automatisierte Rekonstruktion sehr zuverlässig ist, müssen wir – mit Ausnahme von Fällen mit anatomischen Besonderheiten wie sehr dünne Arterien – kaum jemals Anpassungen von Hand vornehmen.“ Hinzu komme, so Blex, dass die MTRAs durch die automatische Rekonstruktion bis zu 20 Minuten pro Patient einsparen. Die Experten aus Essen betonen beide die Vorteile der Standardisierung. Für den Radiologen hat sich die Befundung der CT-Bilder vereinfacht und beschleunigt, was wiederum das Erstellen der Berichte erleichtert. Für den MTRA liegt der Vorteil eher darin, dass er die Bilderstellung nicht mehr selbst strukturieren muss. Er kann sich darauf verlassen, dass das Programm ihn führt. „Ich muss die Ergebnisse nur noch überprüfen, während ich dem Verlauf der Arterien folge und nach Verengungen suche,“ erklärt Blex. „Zudem bleibt weniger Spielraum für die individuellen Präferenzen einzelner Nutzer im Team, so dass der ganze Prozess reproduzierbarer und somit einfacher wird.“

Mit Rapid Results können Ärzte leichter einschätzen, ob sie während der Implantation der Prothese mit Komplikationen wie Plaques, Aneurysmen oder Dissektionen rechnen müssen.

Ein 63jähriger Patient mit Leberzellkarzinom und bekannter koronarer Herzkrankheit, bei dem vor 12 Jahren ein Stent im Vorderwandast der linken Herzkranzarterie eingesetzt wurde. Die CT-Koronarangiographie, durchgeführt im Rahmen einer Evaluation zur Lebertransplantation, zeigte eine hochgradige proximale Stenose des Vorderwandastes (Pfeil).

Bildquelle: Universitätsklinikum Essen, Deutschland


Von Wiebke Kathmann
Wiebke Kathmann hat einen Magisterabschluss in Biologie und hat in Theoretischer Medizin promoviert. Seit 1999 arbeitet sie als freie medizinische Journalistin und veröffentlicht regelmäßig Beiträge in medizinischen Zeitschriften.