Digitalisierung: Die Angst ist weg

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Moritz Gathmann
Veröffentlicht am 12. Juli 2018

Digitale Medizin wird die Versorgung von Patienten verändern.

An der Digitalisierung der Medizin führt kein Weg vorbei. Krankenhäuser und Ärzte erkennen, dass es die Unterstützung der Menschen braucht, die betroffen sind.

Die große Angst vor der Digitalisierung, die in der deutschen Medizin noch vor einigen Jahren herrschte, ist Vergangenheit. Da ist sich Michael Forsting, medizinischer Direktor der zentralen IT des Universitätsklinikums Essen, ganz sicher. „Im Jahr 2000, als wir die Radiologie digitalisiert haben, gab es da schon Widerstand“, erinnert er sich. Aber heute bereitet den Mitarbeiter ein anderes Thema Sorgen: die künstliche Intelligenz (KI). „Die Leute fragen sich: Was machen wir mit den Daten?“ Die Algorithmen für KI-basierte Apps stehen inzwischen zur Verfügung, aber sie müssen erst „trainiert“ werden – und gerade die Krankenhäuser kommen als Datenlieferanten dafür an erster Stelle in Frage. Aber gehören die Daten nicht den Patienten?



Dass die digitale Entwicklung zuweilen die Wirklichkeit überholen kann, davon berichtet auch Andreas Schlüter, Hauptgeschäftsführer der Knappschaft Kliniken: Heute sind die zum Verbund gehörenden Kliniken weitestgehend digitalisiert, die Mitarbeiter gehen mit dem iPad zum Patienten und die Daten wandern ohne den Umweg übers Papier direkt in die elektronischen Patientenakten. Aber inzwischen entwickeln allein bei der Knappschaft 60 IT-Mitarbeiter neue Technologien. Dabei, so Schlüter, entstehen zwei Fragen: „Können die Mitarbeiter noch damit umgehen? Und wie soll man die Einführung der Lösungen finanzieren?“ Es ist also wichtig, die Mitarbeitern „mitzunehmen“ bei digitalen Veränderungsprozessen. Das bestätigt Matthias Bracht, Geschäftsführer Medizin der Klinikum Region Hannover GmbH: „Die Bereitschaft zu Veränderungen ist da, wenn es darum geht, durch digitale Neuerungen zu unterstützen, nicht zu ersetzen.“



Ein Beispiel für eine sinnvolle, aber doch eher holprige Innovation ist die Einführung von Robotern zum Befüllen der Medikamentendispenser in Krankenhäusern. Obwohl der Vorteil solcher Roboter auf der Hand liegt, werden in fast allen Krankenhäusern in Deutschland die Pillenboxen noch von Hand befüllt. Und vielerorts machen die Roboter, einmal eingeführt, Probleme: „Ein klassisches Beispiel dafür, dass der zweite Schritt vor dem ersten gemacht wurde“, glaubt Peter Gocke, Chief Digital Officer der Charité. „Denn eine Voraussetzung dafür, dass der Roboter funktioniert, ist die vorherige Digitalisierung des gesamten Krankenversorgungsprozesses. Das heißt: Es gibt nur noch digitale Medikamentenverordnung, es gibt nur noch digitale Dokumentation – dann ist der letzte Schritt gar nicht schwierig.“



Zudem gilt: Wenn der Mitarbeiter merke, dass die Veränderung dazu führe, dass er nicht mehr gebraucht werde, gebe es Widerstand. „Es sind Leute notwendig, die das von sich aus voranbringen wollen“, ist Gocke überzeugt. Neue Bewerber bei den Kliniken fragen gleichzeitig heute bewusst nach Digitalisierung. „Wenn wir nicht digital wären, würden uns die Bewerber wegbleiben“, glaubt Forsting sogar.



Aber wozu führt die Digitalisierung am Ende? André Heinz, Global Head of Human Resources von Siemens Healthineers AG, glaubt, dass für Kliniken, Ärzte und Pflegepersonal durch schnellere und bessere Befundung, erleichterte Administration und direkten Zugriff auf Patientendaten am Ende mehr Zeit für die Patienten bleibt.

Matthias Bracht widerspricht jedoch: Auch in der Pflege seien Mitarbeiter durch neue Technologiesysteme durchaus zu ersetzen. „Aber die Diskussionen darüber, was mit den Menschen passiert, die da bisher gearbeitet haben, hemmen uns“, beklagt er. „Dabei ist das doch eine Chance, bedarfsgerechte Versorgung zu organisieren – gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels.“ Inwieweit Roboter die Aufgaben des Pflegepersonals übernehmen werden, darüber muss die Gesellschaft eine Wertediskussion führen, glaubt Karsten Neumann, Senior Advisor des Competence Center Digital der Roland Berger GmbH: „Wenn wir noch Menschen neben Pflegerobotern wollen, müssen wir auch bereit sein, dafür mehr Geld auszugeben.“



Ob durch Telemedizin oder künstliche Intelligenz – das Ziel aller Veränderungen muss eine optimale Versorgung sein, darin sind sich alle einig. Aber jede Klinik setzt eigene Schwerpunkte. So will Matthias Bracht in der Region Hannover versuchen, die Verbundsynergie an allen Standorten sicherzustellen: Über digitale Strukturen müsse man das Know-How zum Patienten bringen. Andreas Schlüter will darauf setzen, die digitalen Strukturen auch in den häuslichen Bereich der Patienten zu bringen und damit die Patientenversorgung zu verbessern: „Das Gerät steht dann beim Patienten zu Hause, wir können aber auf die Daten zugreifen.“ Peter Gocke zählt in Berlin darauf, mehr Daten der Patienten zu sammeln und zu verwerten. „Wer die bessere Datenbasis hat, macht bessere Medizin“, ist er überzeugt. André Heinz glaubt an die Vernetzung: “Partnerschaften, die wir mit unseren Kunden pflegen, sind der richtige Weg. Dabei ändert sich auch unser Geschäftsmodell: Wir finden Möglichkeiten, die darüber hinausgehen, ein Produkt und dazu ein Servicepaket zu verkaufen. Stichwort risk/benefit-sharing: So teilen wir gemeinsamen Erfolg mit den Kunden.” An den Erfolg des Konzeptes Vernetzung glaubt auch Berater Karsten Neuman: “Jetzt geht es darum, den ganzen Patienten digital zu vernetzen. Der Anbieter, der das schafft, wird den entscheidenden Vorsprung haben.“


Von Moritz Gathmann
Moritz Gathmann ist freier Journalist in Berlin. Er berichtet für Magazine und Tageszeitungen, darunter „Spiegel“, „Frankfurter Allgemeine“ und „Brand Eins“.