Die zunehmende Bedeutung der interventionellen Radiologie

4 min
Peter Jaret
Veröffentlicht am 7. November 2019
Indem sie sich selbst an der Spitze der Innovation positionieren, können Institutionen IR-Suiten flexibel genug gestalten, um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden.

Fünf Attribute, die für die Gestaltung einer zukunftsfähigen IR-Suite entscheidend sind.

Seit ihren Anfängen in den 1960er Jahren hat sich die interventionelle Radiologie aufgrund technologischer und medizinischer Fortschritte, besseren Ergebnissen und einem immer breiteren Anwendungsspektrum rasch weiterentwickelt. [1,2] Heute werden in immer mehr Disziplinen – darunter Kardiologie, Radiologie, Neuroradiologie und Onkologie – mehr und mehr Eingriffe in der IR-Suite durchgeführt. Bildgesteuerte, minimal-invasive Therapien haben eine bemerkenswerte Wachstumsrate von 10,5 Prozent jährlich.[3]

Je mehr Anwendungsbereiche hinzukamen, desto komplexer sind die Verfahren in der interventionellen Radiologie geworden. Auch gibt es immer mehr ältere, komorbide Patienten, die mit interventioneller Radiologie behandelt werden können. Diese Trends führen zu einem grundlegenden Wandel. Nach jahrzehntelanger Konzentration auf reine Verfahrensaspekte gewinnt interventionelle Radiologie (IR) heute zunehmend auch in der Patientenversorgung vor und nach interventionellen Behandlungen an Bedeutung. [1,2]

Die sich entwickelnde Rolle der IR bietet enorme Chancen für Institutionen, die sich bezüglich künftiger Nachfrage und Wettbewerbsfähigkeit positionieren wollen, stellt sie aber auch vor drängende Herausforderungen. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, Einrichtungen für interventionelle Radiologie so zu gestalten, dass sie sowohl heutigen Bedürfnissen als auch den Anforderungen von morgen gerecht werden. Fachleute verweisen auf fünf Punkte, die dabei entscheidend sein werden.

Angesichts zunehmender IR-Behandlungen wird Effizienz bei Diagnosen und Behandlungen immer wichtiger werden. Ein hohes Patientenaufkommen ist selbstverständlich wichtig für das Endergebnis. Organisationen, die mehr minimal-invasive bildgestützte Behandlungen anbieten können, können mehr Überweisungen aufnehmen und die Kosten für Krankenhausaufenthalte und hohe Pflegebedürftigkeit senken. Effizienz ist auch der Schlüssel zu besseren Ergebnissen für die Patienten. Bei der Thrombektomie zum Beispiel – einer Art von neurologischem Eingriff, der auf dem Gebiet der IR durchgeführt wird – ist eine schnelle Diagnose und Behandlung für den Erhalt von Hirngewebe entscheidend.

Dank besserer Bildgebung können viele Patienten mit Verdacht auf Schlaganfall in der IR-Suite diagnostiziert und behandelt werden, wodurch sich die Zeit bis zur Thrombektomie um durchschnittlich 34 Minuten verkürzt.[4] Über das gesamte Verfahrensspektrum hinweg werden standardisierte Abläufe – mit gezielten Abfolgen von Systemeinstellungen bei jedem Schritt von Diagnose und Eingriff – eine immer wichtigere Rolle spielen. So lassen sich IR-Verfahren effizient durchführen und konsistente Ergebnisse sicherstellen. Diese leistungsfähigen Instrumente eröffnen ganz neue Wege in der medizinischen Versorgungsleistung. Individuell angepasste Abläufe können mit Kollegen geteilt werden. So werden bewährte Verfahren etabliert, einheitlichere Ergebnisse und Dokumentation gewährleistet und die Schulungszeit für neue Mitarbeiter verkürzt.

Wenn in Zukunft mehr und mehr Disziplinen IR nutzen, wird Flexibilität noch wichtiger. Komplexe Bildgebungswerkzeuge werden so konzipiert, dass sie nahtlos an eine Vielzahl von Verfahren und Behandler angepasst werden können. Sie liefern dann alle Informationen, die Ärzte benötigen, in benutzerfreundlichen Formaten, von Bildgebungsstudien bis hin zu Krankengeschichten. Standardisierte Arbeitsabläufe, die konsistente Ergebnisse gewährleisten, müssen aber auch so flexibel gestaltet sein, dass sie sich individuell an Patienten und an die Präferenzen von Ärzten anpassen lassen. Die IR-Suite der Zukunft wird sich flexibler, kontextbasierter Arbeitsabläufe bedienen, im Rahmen derer Ärzte ihre persönlichen Präferenzen definieren und speichern können.

Das Angiographielabor der Vergangenheit entwickelt sich rasch zu einem multidisziplinären Interventionslabor, in dem Kardiologen, interventionelle Radiologen, Neuroradiologen, Onkologen und andere Spezialisten immer mehr Eingriffe durchführen. Neben kardiovaskulären und vaskulären Eingriffen wird IR beispielsweise zunehmend zur perkutanen thermischen Ablation von Tumoren (wie Nierenzell- und Leberzellkarzinomen) und zur perkutanen Sklerotherapie bei venösen und lymphatischen Low-Flow-Fehlbildungen an Kopf und Hals eingesetzt.

Weitere Anwendungen für IR werden mit Sicherheit folgen. Das bedeutet, dass sich die IR-Suite von morgen zunehmend auf Anforderungen sehr unterschiedlicher Spezialisten einstellen muss. Bildgebende und interventionelle Werkzeuge müssen so konzipiert sein, dass sie schnell an die Bedürfnisse von Kardiologen wie Neuroradiologen angepasst werden können, so dass sich beide Disziplinen ein Labor teilen können ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wird ein größerer Mix an Verfahren die Nutzung interventioneller Instrumente verbessern und dazu beitragen, dass sich Kosten schneller amortisieren. Die Verfügbarkeit minimal-invasiver, interventioneller Verfahren über Disziplinen hinweg auszudehnen kann aber auch die Ergebnisse für die Patienten verbessern.

Patientenzufriedenheit wird immer entscheidender für wirtschaftlichen Erfolg und bessere Ergebnisse. Viele technologische Fortschritte, die die Effizienz von Verfahren verbessern, wirken sich auch auf die Patientenerfahrung aus. Effizientere Workflows – darunter auch „One-Stop“-Diagnose und interventionelle Behandlung – bedeuten schnellere Diagnose und Behandlung, was für die Patienten weniger Stress und Beschwerden bedeutet. Auch bildgebende Geräte, die so konstruiert sind, dass sie für ein breites Spektrum von Patienten geeignet sind, werden die Patientenerfahrung verbessern. Da IR zunehmend für komplexe Behandlungen von Patienten mit multiplen Komorbiditäten eingesetzt wird, muss die IR-Suite in Zukunft so konzipiert werden, dass sie eine umfassende klinische Versorgung unterstützt, von der Behandlung vor einem Eingriff bis hin zu Nachsorge und fortlaufender Betreuung der Patienten. Sie wird also zunehmend als Teil des Versorgungskontinuums im Behandlungsverlauf der Patienten angesehen.

Technologische und medizinische Fortschritte werden IR weiter verändern. Die Einführung robotergestützter Eingriffe in der Gefäßchirurgie wird Ärzten zum Beispiel mittels integrierter Bildgebung eine noch präzisere Kontrolle über Katheter, Führungsdrähte, Ballons oder Stentimplantate ermöglichen. Dank Robotersteuerung können Ärzte Verfahren auch aus der Entfernung steuern und so ihre Strahlenbelastung reduzieren. Interventionelle Radiologen verstehen, vielleicht besser als andere Spezialisten, von welch entscheidender Bedeutung fortschrittliche Technologien sind, wenn sie klug eingesetzt werden. Eine IR-Kultur, die sich verpflichtet fühlt, neueste Fortschritte zu bewerten und einzubeziehen, wird so positioniert sein, dass sie Patientenergebnisse kontinuierlich verbessert, Verschwendung und Fehler reduziert, Effizienz steigert, ihr Dienstleistungsspektrum ausweitet und die besten Mitarbeiter anzieht und halten kann.



Niemand kann die Zukunft vorhersagen. Aber wenn es eine Lehre gibt, die wir aus der Vergangenheit ziehen können, dann ist es die, dass technologische Innovationen und medizinischer Fortschritt neue Möglichkeiten für Diagnose und Behandlung von immer mehr Erkrankungen eröffnen werden, wenn wir uns der Mittel der interventionellen Radiologie bedienen. Institutionen, die sich an der Spitze der Innovation positionieren, können IR-Suites so flexibel gestalten, dass sie den Anforderungen der Zukunft gerecht werden. Damit verbessern sie ihre Effizienz, steigern ihre Produktivität und gewährleisten die beste Patientenversorgung.


Von Peter Jaret
Peter Jaret schreibt regelmäßig Beiträge für die New York Times und andere Publikationen. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter "Nurse: A World of Care" (Emory Press) und "Impact: From the Frontlines of Global Health" (National Geographic).